Dialektforschung als Unterrichtsfach

Dialekte sind in Schulen eher verpönt, bestenfalls werden sie belächelt. Und obwohl sie im Lehrplan stehen, werden sie von vielen Lehrern noch heute nicht im Unterricht behandelt. Der Fall Florian sorgte diesbezüglich vor zehn Jahren für Aufsehen. Dem oberbayrischen Grundschüler war vorgeworfen worden, dass er Schwierigkeiten habe, sich verständlich auszudrücken, weil auch seine Eltern nur bayerisch sprachen. Nach zahlreichen öffentlichen Diskussionen wurde der Junge nicht wie zuerst geplant für seinen Dialekt im Zeugnis getadelt. Schon damals hieß es beim Kultusministerium, dass Schule den Auftrag habe, Mundart zu fördern. 
 
Heute ist der Dialekt zwar noch immer nicht das Lieblingskind der deutschen Lehrer, aber in Unterfranken setzt man Zeichen. Hier sollen die Schüler am St. Ursula Gymnasium mehr über das Fränkische lernen. Zu diesem Zweck haben Wissenschaftler des Unterfränkischen Dialektinstituts (UDI) der Universität Würzburg den Schülern Hörbeispiele mitgebracht. Damit sollen die Schüler zukünftig Dialektbefragungen durchführen, und so das Wissenschaftliche Arbeiten kennenlernen. Das Ziel dieses Projektes ist die Erforschung der eigenen Mundart. Es geht dabei nicht darum, Fränkisch zu lernen und forthin Worte wie "umasunst" (kostenlos), "Baddiestimmung" (Partystimmung) oder "Fliecha" (Flugzeug) zu sagen.
 
Vielmehr werden die Schüler sprachwissenschaftliche Untersuchungen anstellen: Sie sollen sich eine Fragestellung überlegen, daraufhin Befragungen durchführen, eigenständig die Ergebnisse auswerten und schließlich ihre Erkenntnisse auf einem Schüler-Kongress vorstellen. Eine andere Klasse aus Gemünden im Landkreis Main-Spessart konnte so nachweisen, dass Männer tendenziell mehr Dialekt sprechen als Frauen. An anderen Schulen wurde der Anteil der Dialektsprecher nach Altersgruppen erforscht. Das Ergebnis: Die ältere Generation spricht deutlich mehr Dialekt als die Jüngeren. 

Im Sommer wird die Klasse des St. Ursula Gymnasiums ihre erste Dialektbefragung. Dabei sei einiges zu beachten, erklärt Dialektforscherin Monika Fritz-Scheuplein. So sollten die Nachwuchswissenschaftler nicht die Wörter vorsprechen, die sie erfragen wollen. "Ihr müsst umschreiben oder Bilder zeigen", rät die Linguistin. Zudem sollten sie Hochdeutsch vermeiden. "Wenn ihr gute Ergebnisse haben wollt, müsst auch ihr ein bisschen Dialekt verwenden." Denn reines Hochdeutsch könne dazu führen, dass die Befragten "aus Scham" verstummen.

"Fränki", so heißt das Projekt, ist in Bayern einmalig. "Bayerische Dialektinstitute betätigen sich hauptsächlich in der Forschung", bedauert Hermann Ruch vom Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung. Lediglich in Unterfranken gebe es eine Zusammenarbeit mit Schulen. Der zuständige Referatsleiter im Kultusministerium, Stefan Krimm, betont zwar, dass das Thema Dialekt ist im Lehrplan vorgesehen sei. "Im Schulalltag haben Deutschlehrer aber hauptsächlich mit der Vermittlung der Standardsprache zu tun." Für Forschungsprojekte mit Schülern bliebe so kaum Zeit.

"Lange war Dialekt in der Schule verpönt", sagt Norbert Wolf, Professor für Sprachwissenschaft an der Uni Würzburg. Inzwischen gehe die Forschung aber davon aus, dass der Dialekt gerade beim Spracherwerb eine wichtige Rolle spiele. "Es geht nicht darum, Dialekt im Unterricht aktiv zu erlernen", erklärt Wolf. Vielmehr würde das Nachdenken über Mundart das Hochdeutsche gefördert.

Auch Lehrer begrüßen den innovativen Ansatz der Würzburger Forscher. "Der Dialekt ist im Alltag der Schüler verwurzelt", berichtet der Würzburger Pädagoge Ludwig Stier. Wenn sich die Schüler mit ihrem eigenen Dialekt beschäftigten, sei der Wunsch nach lebensnahem Unterricht mehr als erfüllt. Etwa 300 Schüler arbeiten in diesem Jahr arbeiten mit dem UDI zusammen. "Wir können gar nicht so viele Schulen besuchen, wie gerne mitmachen würden", freut sich Dialektforscherin Fritz-Scheuplein.

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